Lebenslinien: Otto Gross & Zeitgenossen

Zuletzt aktualisiert am 22. Mai 2020, 20:09 Uhr

Die Datenbank versteht sich als eine - aus Briefen und anderen Dokumenten erschlossene - Chronologie nachprüfbarer Tagesereignisse, die das Leben des österreichischen Arztes und Revolutionärs Otto Gross (1877-1920) und seiner Zeitgenossinnen und -genossen illustrieren will.

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16041973Marianne v. Eckardt an Friedel Jaffé: "... Mama hat ja bestimmt, dass ich vorerst alle ihre Papiere hier aufbewahre. Darunter ist ein Karton mit Aufschrift 'Familienbriefe'. Das stimmt aber nur insoweit, als es sich um Jugendbriefe von Johanna, Frieda und Schulgenossinnen handelt. Der Rest ist eine sehr gezielte Auswahl aus Briefen von Otto und Frieda Gross, Marianne Weber etc., alles etwa aus den Jahren 1898 bis 1909. Im Mittelpunkt steht offensichtlich die ganze tragische Affäre um Otto Gross herum. Nun hat sich Mama in der letzten Zeit die Biographie von Frieda ein zweites Mal vorlesen lassen und ist plötzlich, aber wirklich ganz bewusst und mehrfach wiederholt, zu dem Gedanken gekommen, dass man diese Briefe jenem Martin Green schicken solle, der sich wie eine Seeschlange seit Jahren durch Mamas und meine Korrespondenz zieht. Ich war immer sehr ablehnend, aber er hat sich offenbar in den Kopf gesetzt, eine ausführliche Darstellung all dieser Dinge zu Stande zu bringen. Kürzlich hat er mir mitgeteilt, dass er nun auch Camilla Ullmann ausfindig gemacht habe, ausserdem eine uralte Dame in München, die ihn mit allen Sorten von Nachrichten aus jener Zeit versorgt hat. Ich hatte ja Mama, deren Gedanken schon seit dem Umzug im Dezember um diese schwarze Schachtel kreisen, vorgeschlagen, das ganze zu verbrennen, aber sie war entschieden dagegen. Es findet sich auch eine kurze Art von Selbstbiographie über diese turbulenten Jahre, die darauf hindeutet, dass Mama doch schon längere Zeit den Wunsch hatte, dass diese Dinge irgendwie und irgendwem zur Kenntnis kämen. Nun ist es ja mit Mama so, dass ihre Wünsche auftauchen und wieder untergehen. Ich glaube, es war vor allem das Frieda-Buch, das sie sich eben wieder vorlesen lässt, dass sie veranlasst zu wünschen, dass ihre Briefe und Erlebnisse veröffentlicht würden. Die Frage ist nun die: Irgendetwas wird Green auf alle Fälle über die uralten Geschichten Otto-Else veröffentlichen. Material scheint er auch aus einem Archiv zu beziehen, wo Friedas nachgelassene Papiere liegen. Ich bin mir meiner Lebensdauer nicht allzu sicher und möchte diesen Nachlass vom Halse haben. Wozu autorisierst Du mich? Green kann man nicht darin aufhalten zu schreiben. Soll man Mamas Wunsch übergehen? Ich denke eigentlich, dass sie vor allem wollte, dass ich im Bilde wäre. Das bin ich schon lange und soweit es uns selbst betraf, geht es ja eigentlich niemanden etwas an. Natürlich könnte man Mama mit Recht als eine sehr mutige Kämpferin, nicht sowohl der Frauenbewegung, sondern von Women’s Lib bezeichnen und irgendwie möchte sie das. Aber ob es nötig ist, weiss ich nicht. Ich habe Green sehr ausführlich geschrieben, dass ich Deine Zustimmung einholen und meinen Entschluss gänzlich davon abhängig machen werde. Das wärs. ... Sehr herzlich Deine alte Schwester."
30041973Marianne v. Eckardt schreibt an Friedel Jaffé: "Ja, die gute ‘Else’ [ich diktiere diesen Brief daher: Else]: und nun hat sie in späten Jahren und angesichts der Memoiren ihrer Schwester angefangen, ihre eigenen Geheimnisse hinter meinem Rücken leise zu verbreiten. Baumgarten hat mir kürzlich erzählt, dass sie ihm vor vier Jahren etwa Max-Briefe zur Veröffentlichung überlassen habe. Einige hat sie zurückverlangt und zerrissen. Ausserdem war sie ungeduldig, dass die Veröffentlichung einer persönlichen Max-Biographie so lange auf sich warten liess. Dann ist also jener Martin Green über Baumgarten zu Mama geraten und sie hat ihm wohl auch so einiges erzählt....Ich lege Dir eine kleine Selbstbiographie, die sich zwischen den Briefen fand, bei. Ich kann nicht feststellen, wann sie geschrieben wurde, aber offensichtlich nach 1925. Auch diese Notizen beweisen, dass Else doch ein starkes Bedürfnis hatte, die Brandungen ihres Lebens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen."
30041973Marianne v. Eckardt schreibt an Friedel Jaffé: "Schon 1931 habe ich Frieda, die mir die Geschichte an den Kopf warf und dann entdeckte, dass ich von nichts was wusste, heilig schwören müssen, Dir nichts zu erzählen “Die Else bringt mich sonst um” ... Merkwürdig – und mich natürlich sehr bedrückend – war [Mutters] Entschlossenheit, mich in Klöstern und grauenhaften adlig-schäbigen Instituten erziehen zu lassen, wie eine alte Bäuerin, die aufgrund alter Sünden ihre Töchter ins Kloster steckt. Allerdings hat sie mir mehrmals gesagt, es gäbe eine Maxime, die sie sich fürs Lebens erwählt hätte und die ich mir nur merken sollte: tell a lie and keep to it. Dass mir dann auch noch letztes Jahr die rothaarige Camilla Ullmann, die Pest meiner Kinderjahre, erzählen musste, dass auch sie ein Otto-Kind sei (wie natürlich auch Peter Gross, wenn auch nicht seine drei Schwestern), hat mir eine Ahnung von dem ganzen Durcheinander jener Jahre vermittelt. SORRY! Die vier Briefe von Else werde ich Dir abschreiben lassen und schicken, der Rest ist ja vorwiegend hysterisches Geschreib von Otto und seiner Frau und bleibt ausserdem in unserem Besitz, auch wenn Green einige Stellen verwertet. Er soll es, denn Elses Briefe zeigen eine gewisse moralische Grösse und die Entschlossenheit, den immer unsinniger werdenden Theorien Ottos nicht mehr zu folgen und seine Idee von der erhabenen Kaste, der alles erlaubt sei, zu widerlegen."
16051973Friedel Jaffé schreibt an Marianne v. Eckardt: "Ja so sprechen wir von Else als gewesen – in dieser Sache das Gemässe. Vor allem: the ‘tell a lie and stick to it’ war wohl eine ihrer Verhaltungsmassregeln, aber doch nur das, als Lebens-Devise galt grösseres – sagen wir: dem Leben ja zu sagen. Ex oriente lux wählte sie einmal – fragend. Ihre Entscheidung die black box doch nicht verbrennen zu lassen und dann sogar anfangen sie auszuteilen, das war wohl zum Teil Alterserscheinung, zum Teil wie Du sagst Folge der vermaledeiten Frieda-Tedlock-Lucas Ergüsse – aber schliesslich vielleicht doch vorbestimmt, denn sonst hätte die box ja längst verschwinden können, in den damaligen Umständen, und im Kult der eigenen, der erwählten Seelen waren das bedeutende Erlebnisse. Was das nun uns betrifft: Dass es Dich, wie Du sagst, irritiert oder vielleicht aufstört und auch erbittert, seit langem also und immer wieder und jetzt besonders, das versteh ich, und das versteht vor allem auch die Marandl ganz und wir würdigen es. Der Friedel hat von all dem nicht gewusst, wenn auch unvermeidlich geahnt, aber nie nachgeforscht, auch in sich nicht, wenn auch die Vaterschaft von Peter offensichtlich in Frage stand. Zwischen Mutter und Sohn kann solcherlei nicht ausgesprochen werden, kann nicht bestehen. Der Völker (Du musst mit Deiner Interpolation für den “Chirurgen” recht haben), war mir seit je im Untergrund unheimlich-unangenehm, aber bedeutend in der Erinnerung (Er machte doch wohl die Photos von uns beiden wo besonders mein Rücken so schwach, was er uns damals gesagt), – so stark doch, dass ich ihn im Lauf der letzten Jahrzehnte mindestens einmal der Mutter erwähnt habe während eines der Reminiszenzgespräche. Da nun wäre Gelegenheit gewesen, etwas zu sagen, wenn man wollte – aber man wollte sehr klar nicht. (Nicht dass ich etwa damals oder je den Völcker mit Else in solcher Verbindung gebracht hätte). Da mag nun - was denkst Du, Marianne? -- noch etwas mitgespielt haben. Vielleicht dachte sie auch dem Sohn zu ersparen, sich eingestehen zu müssen, dass in diesen Gross-Abenteuern des Lebens er halt doch ein armer Fisch (a poor fish) gewesen und geblieben, gegenüber der Dämonie der anderen Generation. (The poor fish, I can assure you, finds his little pond most interesting and rewarding.) Und der Sohn, Erzsohn, vertrat dazu ja auch, er sollte es, den altestamentalischen, den strengen Einschlag und vor diesen altherbrachten und durch lange Zeit geheiligten Wegen bückt man doch das Haupt. Altgeheiligte Wesen soll man respektieren. Der Hans, wie ich ihm, als grad Dein erster Brief uns beide hier antraf, zum erstenmal mit einer Frage über Peters Herkunft auftrat, war völlig unvorbereitet und betroffen. Also hab ich zur Zeit nicht vor, ihm die Lebensskizze oder Deinen Brief zu zeigen. Dank Dir aber, dass Du sie geschickt - mit gleichem Dank erwart ich noch das Buch das Green gab und Briefabschriften. Nun zur nötigen Entscheidung: ich wünsche, wünschte, dass Else’s erster und über lange Jahre wiederholter Auftrag befolgt werde: verbrennen. Aber falls Du anders entscheidest oder vielleicht schon gehandelt hast, dann ist das Kapitel damit abgeschlossen ... Dein Friedel Und die Camilla!”
24101973Fritz Picard stirbt in Paris
22121973Else Jaffé stirbt in Heidelberg und wird auf dem Friedhof Handschuhsheim (Grab A152) bestattet
20041974Richard Huelsenbeck stirbt in Minusio und wird in der großelterlichen Familiengruft auf dem Dortmunder Südfriedhof beigesetzt
23081974Roberto Assagioli stirbt in Capolona
04091974Johannes "Hans" John Kuh stirbt in New York
23031975Maria Ramm-Schaefer stirbt
17061975Max Barthel stirbt in Waldbröl
24031977Conrad Felixmüller stirbt in Berlin
08111977Hans Jaffé stirbt in Cleveland, Ohio, USA
16111977Margarethe Oehring-Kuh beantwortet aus Amsterdam (Willemsparkweg 30) Fragen von Ulrike Lehner, die diese im Rahmen ihrer Dissertation "Anton Kuh - Leben und Werk" schriftlich gestellt hat
01011978Elena Liessner-Blomberg stirbt in Berlin
16021978José Orabuena stirbt in Ascona
31051978Hannah Höch stirbt in Berlin
22021980Oskar Kokoschka stirbt in Montreux und wird auf dem Friedhof in Clarens beigesetzt
21111980Walter Rilla stirbt in Rosenheim
25031981Cläre Jung stirbt in Berlin
29041982Helene Deutsch stirbt in Cambridge, Mass.
07011984Friedrich Muck-Lamberty stirbt in Oberlahr
20021984Otto Niemeyer-Holstein stirbt in Lüttenort
06021985Anne Marie Jauss schreibt aus Stockholm: "Von Schrimpf will ich vor allem eins sagen, daß er ein sehr lieber Mensch war. [...] Anfang der Hitler-Zeit war er einmal schon auf dem Weg nach Dachau. Man hat ihn in der Wohnung von Oskar Maria Graf erwischt, wo er einige Papiere retten wollte. Graf war schon nicht mehr in Deutschland. Als der Lastwagen etwas außerhalb von München zur Kontrolle angehalten wurde, kamen sie auf den Namen Georg Schrimpf und einer sagte: 'Das ist ja dem Führer sein Lieblingsmaler!' und so hat man ihn losgelassen ..."
07041985Angela Rohr stirbt in Moskau
04051985Jan Appel stirbt in Maastricht
23121985Gina Kaus stirbt
03061988Anna Mahler stirbt in London
27101988Hannah Tillich, zuletzt in East Hampton auf Long Island wohnend, stirbt an den Folgen eines Herzinfarktes im Southampton Hospital
13011990Simon Guttmann stirbt
21011991Marianne v. Eckart stirbt
20021992Leopold Weiss (Muhammad Asad) stirbt in Mijas, Spanien
31031992Gotthard de Beauclair stirbt in Freiburg im Breisgau
19111992Franz Jungs "Der verlorene Sohn" wird am Ulmer Theater uraufgeführt. Regie: K. D. Schmidt
28041995Franz Jungs "Geschäfte" wird in den Freien Kammerspielen Magdeburg uraufgeführt
28041995Franz Jungs "Schatten" wird im Landestheater Tübingen uraufgeführt. Regie: Manfred Weber
03081995Friedrich (Friedel) Jaffé (= Frederick R. Jeffrey) stirbt in Greenwich, Connecticut, USA
09091995Cornelia Gross stirbt in London
28051999Im Bauhaus-Archiv in Berlin beginnt der 1. Internationale Otto Gross Kongress, der bis zum 30. Mai dauert. Die Internationale Otto Gross Gesellschaft wird gegründet
28052000Camilla Ullmann stirbt in Hamburg
27102000Der 2. Internationale Otto Gross Kongress im Burghölzli in Zürich beginnt, der bis zum 29. Oktober dauert
150320023. Internationaler Otto Gross Kongress in der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität bis zum 17. März
09112002Heinrich Schiemann stirbt in Taunusstein
241020034. Internationaler Otto Gross Kongress im StadtMuseum in Graz bis zum 26. Oktober
04072004Peter Jung stirbt in Miami
05022005Eva Verena Schloffer stirbt in Zürich
16092005Der 5. Internationale Otto Gross Kongress beginnt in Zürich, der bis zum 18. September dauert
08092006Der 6. Internationale Otto Gross Kongress beginnt in Wien und dauert bis zum 10. 9.
03102008Der 7. Internationale Otto Gross Kongress beginnt in Dresden und dauert bis zum 5. Oktober
14102011Der 8. Internationale Otto Gross Kongress beginnt in Graz und dauert bis zum 16. Oktober
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Danksagung

Herzlichen Dank für freundliche Unterstützung an Esther Bertschinger-Joos, Ursula Blomberg, Geoffrey V. Davis, Karin A. Dittrich, Walter Fähnders, Albrecht Götz von Olenhusen, Jérôme Grosse, Ralph Grobmann, Jürgen Gutsch, Andreas Hansen, Hans Hautmann †, Shinji Hayashizaki, Michael Henke, Gottfried Heuer, Chris Hirte, Thomas Höfert, Thomas Iffert, Kristina Kargl, Ingo-Wolf Kittel, Gerhard Kurzmann, Johann Lambauer, Hermann Müller, Bernd Nitzschke, Marc Pendzich, Joseph Rieger, Ralf Rother, Beate Schöch-de Beauclair, Camillo Schrimpf, Andreas Schwab, Anthony Templer, Sophie Templer-Kuh, Bohumila Tinzová, Kurt Wettcke, Günther Windhager

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